Tilmann Krumrey gewinnt Skulpturenwettbewerb 2025 zum Thema Frieden

Espelkamp/Schloss Benkhausen, September 2025.

Eine Skulptur wie BRÜDER untersucht den Körper als Austragungsort scheinbar gegensätzlicher Kräfte. Zwei Figuren erscheinen nicht als voneinander getrennte Individuen, sondern als unauflöslich miteinander verbundene Gestalt. So wird Skulptur für Krumrey zu einem räumlichen Gegenüber, das nicht nur betrachtet, sondern körperlich umschritten und erfühlt werden kann. Der Schlag, die Umklammerung, die Verschmelzung — alles zwingt den Betrachter, Täter und Opfer nicht mehr sauber getrennt betrachten zu können. Die Arbeit sagt nicht nur: „Gewalt ist falsch.“ Sie zeigt: Gewalt beruht auf einer Täuschung über das Wesen der Wirklichkeit — auf dem Irrtum, der Andere sei wirklich von mir getrennt. BRÜDER ist nicht die Darstellung eines moralisch eindeutig verteilten Konflikts: hier der schuldige Täter, dort das reine Opfer. Beide sind nicht nur miteinander verbunden, sondern beide tragen die Möglichkeit von Gewalt in sich. Die geballte Faust Abels nimmt ihm nicht sein Opfersein, aber sie verweigert die sentimentale Idealisierung des Opfers. Auch der Verletzte kann zurückschlagen, kann hassen, kann in denselben zerstörerischen Sog eintreten. Kain und Abel sind zwei Polederselben menschlichen Möglichkeit. Das ist keine Relativierung von Schuld. Der tatsächliche Schlag bleibt verantwortlich zurechenbar. Aber die Arbeit verweigert die bequeme Position des Betrachters, sich ausschließlich mit Abel zu identifizieren und Kain nach außen zu verbannen. Vielleicht liegt darin der eigentliche, unbequeme Ernst der Skulptur: Kain und Abel sind nicht nur Brüder, weil sie denselben Ursprung haben. Sie sind Brüder, weil in jedem Menschen die Möglichkeit beider lebt: die Verwundbarkeit des Opfers und die Faust des Täters.